MICHAEL PISARO
CONCENTRIC RINGS IN MAGNETIC LEVITATION

Pisaros Meditation und ihre Gebote

Mark Aurel hält uns im XI. Buch seiner Meditationen dazu an, einen Gesang „in seine einzelnen Töne“ zu zerlegen (Übersetzung: F. C. Schneider) und nach der Wirkung des einzelnen Tons zu fragen. Diese Meditation ist bemerkenswert hinsichtlich der radikal modernen Hörhaltung, die sie uns aufgibt. Indem wir die Musik fragmentieren – Mark Aurels Text wird mit „Zergliederung“ ins Deutsche übertragen – können wir eingeschliffene Hörgewohnheiten überwinden und eine moralische Selbsterkenntnis erreichen. Aurel insistiert, dass wir Musik auseinandernehmen und ‚dekonstruieren‘ – doch wie verhält es sich mit Kunst, die bereits aus auseinander dividierten Klangparametern geschaffen wurde? Klang allein lässt sich schwer festhalten – einzelne Töne haben die Tendenz zu einer Melodie zu verschmelzen, wie Christian Wolff feststellte. Aurel hingegen argumentiert, man möge durch Zergliederung einer Melodie deren moralische Wirkung auf einen selbst oder die Gemeinschaft erkennen. Experimentelle Kunstschaffende allgemein, und die Wandelweiser-Komponisten insbesondere, haben solch eine asketische Musikalität formalisiert. Ausgehend von unserer Erfahrung von Diskontinuität in ihren Kompositionen, sind wir beim Hören eingeladen, eine ephemere Welt zu konstruieren, die aus den neuartigen Beziehungen besteht, welche experimentelle Handlungen hervorbringen. Diese Gedanken kamen mir anlässlich der Aufnahme von Michael Pisaros Concentric Rings in Magnetic Levitation in der Interpretation von Teodora Stepančić, Assaf Gidron und Martin Lorenz. Pisaro beschreibt das Stück in der Partitur als eine Serie von 13 Klangkreisen (oder Loops), die einander umschlingen. In ihrer Realisation dramatisieren die Musiker das Weben und Auflösen dieser Bänder. Wenn ich diesem großartigen und melancholischen Klangergebnis zuhöre, spüre ich, wie eine vergängliche Atmosphäre des Intimen etabliert wird, die ebenso schnell wieder verschwindet. Die Klangkreise verschmelzen und ziehen sich wieder auseinander.

Am Anfang der Aufnahme konzentriere ich mich auf die fragilen Unisono-Klänge, welche die Grenzen der einzelnen Klangkreise verschwimmen lassen. Diese ersten Minuten bestehen aus den angestrebten und umgesetzten Unisoni zwischen Klavier, Crotales und Sinustönen. Hin und wieder taucht ein Sinuston auf und erklingt lang genug, um mit einem der hohen Töne im Live-Klavierpart zu verschmelzen. Diese Unisoni vermögen nur vorübergehend eine Einheit zu formen. Das rasche Verklingen der Töne im hohen Klavierregister wirkt als starke Gegentendenz: In der Plötzlichkeit des Lautstärkeabfalls dieser hohen Klaviertöne offenbart sich die Zerbrechlichkeit der Klangkreis-Anordnung. Die Extreme der Erfahrung, der Einfühlung in die Klänge und den folgenden rapiden Verlust, sind fast unerträglich. Als ein Sinuston langsam hörbar wird, erfahre ich eine sinnliche Fülle, während der Ton mein Bewusstsein flutet: ein warmes psychoakustisches Klangbad. Das Abklingen des Klaviertons löst unmittelbar darauf eine starkes Gefühl der Distanzierung aus, was Morton Feldman in einem anderen Zusammenhang so treffend als „scheidende Landschaft“ bezeichnete. Die Klangkreise des höheren Registers waren verschmolzen – und ich mit ihnen. Sie wurden bald darauf auseinander gezwungen vom brutalen Fakt des Verklingens.

Doppeldeutige Unisoni sind jedoch nur ein Meilenstein auf dem Weg, den das Stück eröffnet. Andere Kreise zeigen die Abstufungen zwischen Stasis und mechanischem Rhythmus, die in den größeren kreisenden Rhythmen aufgehen, die andere Kreise umfassen. Ein rhythmischer Zyklus, der laut Partitur von mechanischem, kontinuierlichen, rhythmischen Klicken (wie von verstärkter Morsetelegraphie) taucht als elfter Kreis dreimal in der zweiten Hälfte von Concentric Rings auf. Dieses Klicken setzt sich von einem Hintergrund aus anhaltendem weißen Rauschen ab. In ihrer Regelmäßigkeit und Kürze verunsichern einen diese rhythmischen Zyklen: sie sind einfach zu vordergründig. Man richtet seine Aufmerksamkeit auf sie, wegen der raschen Regelmäßigkeit ihrer Loops. Die zirkulären Prozesse, die sich auf einer höheren Zeitebene entfalten, scheinen hier in etwas Unmittelbares und ziemlich Banales geschrumpft zu sein. Dennoch leisten sie wichtige Arbeit, um das weiter reichende Spiel der Zeitlichkeiten zu definieren, die sich über das gesamte Stück ausstrecken. So wie die Unisoni aufgetaucht und wieder verstummt waren, so treffen diese rhythmischen Zyklen zusammen und trennen sich wieder; dabei transformieren sie von a-rhythmischer Statik zu geloopten rhythmischen Zellen und weiter zu extrem langsamen Prozessen über längere Zeitspannen, als wir wahrnehmen können.
All diese Kreise zeigen das Auf- und Abwickeln von Concentric Rings, das in Pisaros musikalischer Sprache so deutlich ist. Seine Klänge laden Hörende ein, den dekonstruierten Klängen freundlich und zärtlich entgegenzutreten, aber sie weisen auch auf die Zerbrechlichkeit jedweder Gemeinschaft hin. Am Ende von Concentric Rings fühle ich ein großes Verlangen wiederherzustellen, was ephemer im Stück vorhanden war, nämlich die intimen Verbindungen zwischen Menschen durch Klänge. Dieses Verlangen ist die Tugend von Pisaros Meditation und ihrer Gebote: Achte auf das Potenzial für Gemeinschaft, die immer schon um uns ist. Pflege sie, sobald sie etabliert ist. Trauere um sie, wenn sie verloren ist.

Ryan Dohoney
(Ins Deutsche übertragen von Julia Schröder)

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EAN: 7 640172 462416