TEODORA STEPANCIC
MARTIN LORENZ
SIGNS – SHAPES

Walter Benjamin hat in seinem berühmten Aufsatz über „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ einen „Verlust der Aura“ diagnostiziert, der durch die Techniken des Films, der Fotografie und der Tonaufnahme unübersehbar geworden sei. Verloren schien damit die Authentizität des „Originals“, an dem nicht nur der leibhafte Künstler seine Spuren hinterlassen hatte, sondern in dem sich auch, so argumentierte Benjamin mit Proust, sozusagen die Blicke aller früheren Betrachter niedergeschlagen hatten.

Diese Reflexionen richten sich primär an die objekthaften Werke der bildenden Kunst, in der Musik stellt sich das Verhältnis von „Werk“ und „Wiedergabe“ anders dar, z. B. als Spannung zwischen Notentext und Interpretation. In der Musik zeigt sich der vermeintliche Verlust der Aura eher in der Marginalisierung des Konzerts, in dem Künstler und Zuhörer sich „live“ begegnen, durch die einsame Rezeption des Hörers von „Tonkonserven“ (und selbst bei diesen kann sich ein nochmaliger Verfall der Aura ereignen, wie etwa der zeitweise erbitterte Widerstand der Schallplatten- Liebhaber gegen die digitalen Tonträger bewies).

Längst aber hat die Musik Verfahren erprobt, in denen Tonträger selbst zum Original, die Konserven zum magischen Objekt werden. Dabei ereignet sich eine „Reauratisierung“, wenn die Medien und Produkte der Wiedergabe zum Gegenstand und/ oder Material der Werke werden: Zum Gegenstand, indem (wie etwa schon in Varèses „Déserts“) vorproduzierte Klänge in die Live- Aufführung eingespielt werden; zum Material, indem Tonträger während der Aufführung bearbeitet oder manipuliert werden, wie im „Scratchen“ von Vinylplatten, mit dem die DJs diese nicht etwa „wie ein“, sondern vielmehr „als“ Instrument benutzen.

Auf Techniken wie diese, aber auch etwa auf John Cages „Imaginary Landscape No. 5“ beziehen sich Teodora Stepancic, Klavier und Martin Lorenz, Turntables bei ihren gemeinsamen Projekten. Dabei entstehen durch die Konfrontation des traditionellen Tasteninstruments mit vielfältig bearbeiteten Tonträgern gänzlich neuartige Klangwirkungen, zumal Lorenz eklektisch auf E- wie U- Musik, auf Klassik wie Jazz zurückgreift. Grossen Raum erhält die Stille, in der stark pedalisierte Klaviertöne nachschwingen oder in die behutsam Knistern und Rauschen der LPs einsickern.

„SIGNS – SHAPES“ heißt die erste gemeinsame CD der beiden Künstler. „Shapes”, das spielt vielleicht auf’s Skulpturale, auf den Bezug zur bildenden Kunst, auf die unmittelbar haptische Bearbeitung der Tonträger an, aber auch auf die “Umrisse”, die Idiome der zitierten Musik; „Signs” auf einen Prozeß, in dem leibhaft, live produzierte Töne in einen Dialog mit vorproduzierten treten, auf die von den Spielern abgegeben Signale der musikalischen Interaktion, auf “signalhafte” Motive, welche die Struktur der Musik gliedern.

Martin Lorenz bezieht sich selbst auf die Debatte um „Aura“ und „Konserve“, wenn er mitteilt, bei ihm werde das „klangwiedergebende Medium“ selbst zum „eigentlichen Klangerzeuger“. Dabei präpariert Lorenz die Platten mit Skalpell, Schmirgelpapier und Klebstreifen und setzt oft die Nadel grob auf die LPs auf. Die Abspielstelle wird ausserdem durch Verschieben der Nadel ständig manuell zu variert. So durchsetzt er das Klangbild mit amorphen Klängen: Musikfetzen und Knackser beim Aufsetzen der Pickups, laute Kratzer, wenn die Tonabnehmer quer zu den Rillen verschoben werden, Rauschen, Knistern. Durch Einschnitte in die LP produziert er Loops, zu denen das Geräusch der zurückspringenden Nadel einen imaginären Taktschlag markiert.

Teodora Stepancic agiert am Klavier mit differenziert kontrolliertem Instrumentalspiel und bedient sich dabei der vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten des hochentwickelten Instruments. Die Ausdrucksskala reicht von fast impressionistischen Passagen bis hin zu wuchtigen Klangmauern und perkussiven Geräuschen im Innern des Flügels. Sie entwickelt klanglich feinfühlige Nuancen, die zwischen den lauten Noises der Elektronik durchschimmern. So entsteht eine faszinierende, kontrastreiche Musik, deren verschiede Ebenen sich auf immer wieder neue Art aufeinander beziehen.

Benedikt v. Bernstorff

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EAN: 764013844429 6